„Hier findet ein Ausverkauf von Werten statt“

DREI FRAGEN AN … den rheinischen Präses und EKD-Sportbeauftragten Dr. Thorsten Latzel zur Fußball-WM in Katar, der Boykott-Diskussion und einer Arbeitshilfe für die Gemeinden.


Herr Latzel, die TV-Übertragungen boykottieren oder nicht, das wird angesichts des Zeitpunkts und der Umstände der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar heiß diskutiert. Wie halten Sie es als Sportbeauftragter der EKD?

Thorsten Latzel: Die Entscheidung für die WM in Katar ist zutiefst problematisch. Das betrifft die katastrophale Menschenrechtslage ebenso wie vielfältige ökologische Belastungen, die mit der WM unter diesen Bedingungen verbunden sind, vom CO2-Ausstoß über den Energie- bis zum Wasserverbrauch. Auch die zeitliche Verlagerung mitten in den Advent als Zeit der geistlichen Einkehr und Umkehr passt überhaupt nicht. Die Synoden der EKD und der Evangelischen Kirche im Rheinland haben sich klar dazu geäußert. Boykott ist eine Möglichkeit. Ich verstehe aber auch die Faszination, die dennoch von solchen Spielen ausgeht – und auch, was die WM für viele Sportler bedeutet. In jedem Fall sollte deshalb ein äußerst kritischer Umgang mit den Spielen stattfinden. Die Menschenrechtsverletzungen und die ökologische Verantwortungslosigkeit, die betrieben werden, sollten in unseren Gemeinden thematisiert werden. Ob ich mir selber Spiele anschauen werde, weiß ich im Augenblick noch nicht.

Nun liegt die Arbeitshilfe „Macht hoch die Tür, die Tooor macht weit – Die Fußball-WM in Katar in der Adventszeit 2022“  vor. Was soll sie bewirken?
Latzel: Die Arbeitshilfe sensibilisiert für die vielfältigen Probleme, die mit der WM verbunden sind. Dafür gibt es viele Hintergrundinformationen von renommierten Fachleuten aus unterschiedlichen Perspektiven. Zugleich bietet das Heft geistliche Texte, wie in Gottesdiensten oder bei Andachten mit der WM umgegangen werden kann. Dies betrifft ja nicht nur uns als Christinnen und Christen im Advent, sondern auch unsere jüdischen Schwestern und Brüder während des Chanukka-Festes. Ich freue mich, dass wir in der Broschüre dazu auch einen Beitrag aus jüdischer Sicht haben.

Müssen sich die Kriterien für die Vergabe von sportlichen Großveranstaltungen grundsätzlich ändern?
Latzel: Ja, unbedingt. Wir brauchen eine breite Diskussion, was für einen Sport wir in unserer Gesellschaft wollen – und welchen nicht. Die politische Instrumentalisierung von sportlichen Großveranstaltungen ist ebenso problematisch wie die völlige Unterordnung von ethischen, sportlichen, aber eben auch religiösen Aspekten unter rein ökonomische Anliegen. Hier findet ein Ausverkauf von Werten statt, der letztlich dem Sport massiv schadet und der Idee einer Frieden und Verständigung fördernden Völkerbegegnung entgegenläuft. Ökologische Gesichtspunkte, Menschenrechtsfragen und sportliche Aspekte müssen wieder entscheidend sein.

  • 6.9.2022
  • Ekkehard Rüger
  • ekir.de/Dominik Asbach