Es ist Sommer, heiß und kurz vor den großen Ferien. In den Schulen sind die Arbeiten geschrieben. Bei der Arbeit sind viele mehr oder weniger urlaubsreif. Die Nerven liegen leichter blank, die Seele braucht Sonnencreme, dazu kommt teils ein WM-bedingter Schlafmangel. In einer weit verbreiteten „Vor-Urlaubsrallye“ versuchen viele, noch schnell alles zu erledigen – was den Mail-Account der anderen überlaufen lässt. Kollektiver Overload-Error.
Dazu eine Geschichte vom erschöpften Christus aus Joh 4:
Jesus musste aber durch Samarien reisen. Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gegeben hatte. Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich an den Brunnen; es war um die sechste Stunde. Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken!
Eine kleine biblische Miniatur – Auftakt zu einer längeren Begegnung zwischen Jesus und der namenlosen Frau. Interessant ist hier die Müdigkeit Jesu. Im Griechischen steht hier ein Wort, das für eine dauerhafte, anhaltende Erschöpfung steht, nicht nur für eine kleine Zwischenpause.
Vom müden, erschöpften Christus zu sprechen, ist ungewöhnlich. Wir kennen Jesus Christus als Wundertäter, Lehrer der Weisheit, Wanderrabbiner, Offenbarer, Gottes Sohn, Heiland, auch als Leidenden, ja, aber als Akt der Solidarität, der Erlösung. Der müde, erschöpfte Christus kommt dagegen höchst selten vor. Dabei handelt es sich meines Erachtens um ein Motiv, das für die Evangelien theologisch wichtig ist.
Der müde, erschöpfte, endliche, angewiesene, begrenzte Christus: Er taucht interessanterweise vor allem in Begegnungen mit Frauen auf. Jesus wird geboren von Maria; überzeugt durch die kanaanäische Frau; inspiriert von der armen Witwe; versorgt durch Maria und Martha; gesalbt von einer unbekannten Frau; begleitet ans Kreuz durch verschiedene Frauen – und er zeigt sich müde, durstig gegenüber dieser samaritanischen Frau.
Jesus Christus wird am Ende seines Lebens am Kreuz sagen: „Mich dürstet.“ (Joh 19, 28). Ein tiefer Ausdruck seines vollen Menschseins, seines tiefen Lebensdurstes bis zum Tod. Gerade in der unbedingten Annahme seiner eigenen Begrenztheit ist Jesus der Christus, der Messias. Pointiert formuliert: Christus ist der Christus, gerade weil er permanent durstig ist:
– weil er nicht aus sich selbst lebt, sondern als endlicher Mensch ganz aus Gott existiert,
– weil er immer wieder auf den Berg, in die Stille, ins Gebet geht,
– weil er der Versuchung widersteht, Steine zu Brot zu machen, alle Macht zu haben, von den Zinnen zu springen – eben aus sich selbst groß, toll, besonders zu sein.
Er ist vollkommen durstig auf Gott hin – und wird gerade so zur Quelle lebendigen Wassers für andere: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“ (Joh 7,37).
Der Theologe Paul Tillich drückt das so aus, dass Christus als vollkommenes, unüberbietbares Symbol ganz transparent ist auf das neue Sein der Liebe und auf Gott als das Unbedingte, Universale.
Doch was bedeutet der müde, erschöpfte Christus für den Umgang mit unserer Erschöpfung? Drei Impulse:
- Zum Glauben gehört, die eigene „Erschöpflichkeit“ anzunehmen.
Ich bin endlich, durstig, müde, angewiesen: auf Gott und meine Mitmenschen; bleibend, mein Leben lang – und das ist gut so. „Gib mir zu trinken.“ Wir haben das Wasser des Lebens nicht aus uns selbst. Wir bleiben Bettler, Bedürftige, ein Leben lang. Die Bitte um das tägliche Brot im Vaterunser drückt das aus. Ich lebe aus Gott – und aus der Zuwendung, die Gott mir durch andere schenkt. Also: Lasst uns getrost immer wieder „erschöpflich“ und müde sein.
- Zum Glauben gehört ebenso die Gabe, anderen geben zu können.
Gott ermächtigt uns, indem er in Christus selbst schwach wird. Die samaritanische Frau wird in der Geschichte ermächtigt durch die Schwäche Christi. Und sie wird so zur ersten Missionarin Samariens. Nur ihr gegenüber bekennt sich Christus selbst eindeutig als Christus.
Am Ende der Geschichte, nachdem viel gesprochen wurde, nachdem die Frau zunehmend Christus erkannt hat und durch Christus sich selbst, am Ende der Geschichte gibt es dabei eine kleine, aber wichtige narrative Lücke: Christus hat am Ende immer noch nichts getrunken! Das ist wichtig für uns: Christus ist weiter erschöpft, durstig bis heute – und wartet darauf, dass wir ihm zu trinken geben. All den Einsamen, Erschöpften, Müden, in denen wir auf Christus treffen: „Was ihr einem von diesen meinen geringsten Geschwistern getan (oder nicht getan) habt, das habt ihr mir getan (oder nicht getan).“ (Mt 25, 40.45). Christus begegnet unserer Müdigkeit, unserer Erschöpfung so, dass er uns ermächtigt, zu einer Quelle lebendigen Wassers für andere zu werden. Ein Wasser, das nicht aus uns entspringt, aber durch uns Durstige zu anderen fließt.
- Als Kirche sind wir Tischgemeinschaft von „Erschöpflichen“ und Lebensdurstigen.
Das gemeinsame Abendmahl ist daher ein zentraler Punkt von uns als Kirche. Und es bleibt ein tiefer ökumenischer Riss, wo wir dies mit anderen Geschwistern nicht feiern können. Christsein heißt eben, mit anderen essen zu können. Kirche ist der Ort, wo ich meine „Erschöpflichkeit“, meine Endlichkeit, meinen unstillbaren Lebensdurst annehmen kann – und wo Gott dem in Christus auf paradoxe Weise begegnet.
– Wir kommen an den Tisch Christi, weil wir Brot, Wasser, Wein des Lebens niemals in uns oder aus uns selbst haben.
– Wir empfangen am Tisch Christi Brot, Wasser, Wein des Lebens – und erfahren zugleich, dass andere Brot, Wasser, Wein des Lebens durch uns empfangen.
– Wir glauben, dass Christus selbst unter uns gegenwärtig ist, wo wir als Lebensdurstige für andere zur Quelle lebendigen Wassers werden und gerade so Gott die Ehre geben.
Das Bild des erschöpften Christus: Es hilft mir, mit meiner „Erschöpflichkeit“ anders umzugehen – selbst in der heißen Zeit vor den Sommerferien.
Theologische Impulse (203) von Präses Dr. Thorsten Latzel
Bildnachweis: pixabay
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